Midills geheimes Tal und der Maler im Platanenbaum
Das Karini-Tal, Theophilos und eine Geschichte, die bis nach Izmir reicht
Viele Besucher der Insel Lesbos sehen nur die Häfen von Petra, Molivos oder Mytilene. Doch für diejenigen, die den wahren Geist der Insel entdecken möchten, gibt es einen kleinen, versteckten Ort auf dem Weg nach Agiasos: Karini.
Hier erscheint auf Karten nur ein kleiner Punkt. Doch sobald Sie in das Tal eintreten, spüren Sie, wie die Zeit langsamer vergeht.
Riesige Platanen am Flussufer…
Der kühle Schatten der Kastanienwälder…
Und das unaufhörliche Rauschen des Wassers…
Hier verbirgt sich eine der interessantesten Kunstgeschichten Lesbos.
Ein Maler im Versteck: Das Karini-Tal
Karini ist heute fast ein verlassenes kleines Dorf. Laut der Volkszählung von 2021 hat es keine permanente Bevölkerung. Es ist also viel mehr als ein Dorf, eine alte Haltestelle inmitten der Natur.
Doch nicht nur die Natur macht Karini besonders.
In der Mitte des Tals, am Ufer des Flusses, steht ein riesiger Platanenbaum. Sein Stamm ist im Laufe der Zeit ausgehöhlt worden, das Innere erinnert fast an eine kleine Höhle.
Besucher können immer noch in den Baum hinein gehen.
Und in diesem Moment kommt einem nur ein Gedanken in den Sinn:
„Hat er wirklich hier gelebt?“
Denn eine der interessantesten Geschichten über den berühmten Volksmaler von Lesbos, Theophilos Hatzimihail, basiert auf diesem Baum.
Laut lokalen Erzählungen kam Theophilos manchmal ins Karini-Tal, übernachtete in der natürlichen Aushöhlung dieses Baumes und malte an den Wänden der umliegenden Kaffeehäuser und Tavernen.
Obwohl die meisten dieser Wände heute verschwunden sind, können an einigen Orten noch verblasste Farbreste gesehen werden.
Ein Leben von Izmir nach Lesbos
Die Geschichte von Theophilos gehört eigentlich nicht nur zu Lesbos.
Der Maler, der sein Zuhause in jungen Jahren verließ, geht eine Zeitlang nach Izmir (Smyrna). Zu dieser Zeit ist Izmir eine der lebhaftesten Hafenstädte des Osmanischen Reiches und hat ein starkes griechisches Kulturleben.
In Izmir arbeitet Theophilos als Hausmeister im griechischen Konsulat.
Doch seine wahre Leidenschaft ist die Malerei.
Überall, wo er Platz findet, malt er an Wänden, Brettern und Kartonstücken.
Bald darauf beginnt er in der Stadt Volos in Griechenland zu leben. Er verdient seinen Lebensunterhalt, indem er an den Wänden der Dorfhäuser, Geschäfte und Herbergen malt.
Gemälde für einen Teller Essen
In seiner Zeit wird Theophilos nicht als großer Künstler angesehen.
Im Gegenteil, viele halten ihn für einen seltsamen Menschen.
Denn jeden Tag trägt er das traditionelle griechische Kleid, den Fustanella.
Er stammelt.
Und malt stundenlang allein.
Oft male er an der Wand eines Kaffeehauses und bekomme dafür nur einen Teller Essen.
Doch die Geschichten, die er an diesen Wänden erzählt, sind groß:
- Helden des griechischen Unabhängigkeitskriegs
- Alexander der Große
- antike griechische Mythen
- Volksgeschichten
- das Dorfleben
Es wird erzählt, dass die Wände des alte Kaffeehauses in Karini einst mit diesen Murals bedeckt waren.
Der Baum in Karini
Das am meisten gewünschte Ziel für Besucher in Karini bleibt nach wie vor dieser Platanenbaum.
Im Stamm des Baumes gibt es eine große Aushöhlung. Wenn Sie hinein gehen, strömt das Licht von außen durch eine enge Öffnung herein.
Wenn Sie dort ein paar Sekunden verweilen, erlebt man wirklich ein anderes Gefühl.
Als wäre ein Maler gerade hier gesessen…
Als hätte das Rauschen des Baches seinen Pinselstrichen gelauscht…
Ist es wahr?
Vielleicht wissen wir es nicht genau.
Aber jeder, der nach Karini kommt, hat dasselbe Gefühl:
In diesem Baum steckt eine Geschichte.
Tériade und der verspätete Ruhm
Theophilos erreicht Zeit seines Lebens nie großen Ruhm.
Bis der berühmte Kunstkritiker, der in Lesbos geboren wurde, Stratis Eleftheriadis Tériade ihn entdeckt.
Tériade, der in Paris lebt, erkennt, als er die Gemälde von Theophilos sieht, dass er es mit einem großen Talent zu tun hat. Er besorgt ihm Leinwände und Farben und bestellt neue Werke.
Theophilos produziert bald mehr als einhundert Gemälde.
Doch das Schicksal spielt eine bittere Rolle.
Der Maler stirbt 1934, kurz bevor sein Ruhm in die Welt hinausgeht.
Danach werden seine Werke in Europa ausgestellt und Theophilos gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der griechischen Volkskunst.
Heute im Karini-Tal
Besucher, die heute nach Karini kommen:
- gehen am Fluss spazieren
- sehen die Ruinen alter Wassermühlen
- essen in einer Taverne
- besuchen den Baum von Theophilos.
Beim Umherwandern im Tal merkt man eines:
Hier vermischen sich Natur, Geschichte und Kunst.
Vielleicht ist das der Grund, warum Karini als einer der romantischsten und geheimnisvollsten Orte auf Lesbos angesehen wird.
Die verborgene Geschichte von Lesbos
Die Strände von Petra, die Steinwege von Molivos und der Hafen von Mytilene sind das Gesicht von Lesbos.
Doch das Karini-Tal…
ist die Seele von Lesbos.
Wenn Sie beim Gehen am Fluss für einen Moment innehält und auf diesen Platanenbaum schauen, können Sie nicht vermeiden, Folgendes zu denken:
Vielleicht war einst ein junger Maler, der aus Izmir kam, wirklich hier stehen.
Und in der Stille dieses Tals hatte er eine Geschichte an die Wände hinterlassen.