Zeybek oder Zeibekiko? Die Geschichte einer gemeinsamen Kultur, die auf beiden Seiten der Ägäis lebt

Zeybek oder Zeibekiko? Die Geschichte einer gemeinsamen Kultur, die auf beiden Seiten der Ägäis lebt

Im Juni 2026 brach in Thessaloniki, Griechenland, Hunderte Tänzerinnen und Tänzer gleichzeitig mit dem Tanzen von Zeibekiko einen Guinness-Weltrekord. Die Veranstaltung fand rasch Eingang in die Weltpresse und erregte große Aufmerksamkeit in den sozialen Medien. Doch mit dieser Nachricht rückte eine Frage wieder in den Mittelpunkt, die seit Jahren auf beiden Seiten der Ägäis diskutiert wird:


Was ist Zeibekiko eigentlich? Gibt es eine Verbindung zum türkischen Zeybek? Wo liegen die wahren Ursprünge dieses Tanzes?


Die Antworten auf diese Fragen führen uns nicht nur zur Geschichte eines Tanzes, sondern auch zu einem gemeinsamen ägäischen Kulturerbe, das sich von der osmanischen Zeit bis in die Gegenwart erstreckt.


Die Geschichte, die mit den Schritten des Efes beginnt

Die Ursprünge von Zeibekiko reichen bis zu den Zeybeken zurück, die in den Bergen Westanatoliens lebten. Die in der Umgebung von Aydın, İzmir, Manisa, Muğla und Balıkesir ansässigen Zeybeken gehörten in der osmanischen Zeit zu den auffälligsten Gruppen der Region. Die Anführer der Zeybeken, die für ihren Mut, ihre unabhängige Lebensweise und ihre charakteristische Kleidung bekannt waren, wurden „Efe“, ihre Helfer „Kızan“ genannt.


Der Zeybek-Tanz, der heute unter den türkischen Volkstänzen einen wichtigen Platz einnimmt, ist ebenfalls ein Spiegel dieser Kultur. Die an einen Adler erinnernde Armhaltung, die schweren und entschlossenen Schritte, die bodennahen Drehungen und die stolze Körpersprache ... All das ist nicht nur ein Tanz, sondern auch Ausdruck eines Charakters. Wer Zeybek tanzt, verkörpert Mut, Freiheit, Stolz und Ehre.


Eine Reise von osmanischen Häfen nach Griechenland

  1. Im 19. Jahrhundert herrschte zwischen İzmir, Ayvalık, Mytilene (Lesvos), Chios, Istanbul und Thessaloniki ein intensiver kultureller Austausch. Türken, Griechen, Juden, Armenier und Levantiner teilten dieselben Häfen, Kaffeehäuser, Musik und Unterhaltungskultur. In diesem Umfeld blieb die Zeybek-Kultur nicht auf Anatolien beschränkt. Insbesondere die in İzmir und Westanatolien lebenden griechischen Gemeinschaften trugen diese Musik und diese Tänze in ihre eigene Kultur hinein.

Mit dem Bevölkerungsaustausch nach 1922 und der Migration Hunderttausender anatolischer Griechen nach Griechenland wurde dieser kulturelle Transfer noch weiter beschleunigt. So entstand das heute in Griechenland getanzte Zeibekiko. Schon die Herkunft des Wortes zeigt dies: Zeybek → Zeibekiko (Ζεϊμπέκικο). Auch griechische Quellen erkennen an, dass der Tanz seinen Namen von den Zeybeken Anatoliens erhalten hat.


Unterschiede zwischen türkischem Zeybek und griechischem Zeibekiko

Obwohl beide Tänze gemeinsame Wurzeln haben, haben sie sich im Laufe der Zeit in unterschiedliche Richtungen entwickelt.

  • Der türkische Zeybek steht eher für: Heldentum, Mut, Efe-Geist und gesellschaftliche Führung.
  • Das griechische Zeibekiko hingegen steht eher für: Gefühle, Liebe, Sehnsucht, Trauer und die Schwierigkeiten des Lebens und hat sich zu einem individuellen Tanz entwickelt.

Während der türkische Zeybek wie eine Herausforderung wirkt, gleicht Zeibekiko oft einem stillen Gespräch des Menschen mit seiner eigenen inneren Welt.

Warum wird er allein getanzt?

Das ist das auffälligste Merkmal von Zeibekiko. In Griechenland tritt die Person, die Zeibekiko tanzt, traditionell allein in die Mitte der Tanzfläche. Die anderen stehen ringsum und beobachten. Dem Tanzenden wird nicht ins Geschehen hineingeredet oder hineingegriffen. Denn Zeibekiko gilt weniger als Vorführung denn als Ausdruck von Gefühl. Für viele Griechen steht dieser Tanz für Liebeskummer, verlorene Freunde, Migrationserfahrungen und die Kämpfe des Lebens. Wenn in Tavernen Zeibekiko beginnt, verändert sich die Atmosphäre schlagartig: Die Musik wird lauter, Gespräche verstummen und alle räumen der tanzenden Person respektvoll Platz ein.


Die Zeibekiko-Kultur auf der Insel Mytilene

Wer heute die Insel Mytilene (Lesvos) besucht, merkt schnell, dass Zeibekiko ein wichtiger Teil des Alltags ist. Besonders in Regionen wie Mytilene-Stadt, Plomari, Molyvos, Agiasos, Skala Kallonis wird Zeibekiko bei Musikabenden häufig getanzt. Wenn in griechischen Tavernen Live-Musik erklingt, kann man in den späteren Stunden der Nacht fast immer einige Zeibekiko-Darbietungen erleben. Vor allem bei traditionellen ägäischen Abenden mit Ouzo ist dieser Tanz ein unverzichtbarer Teil der Kultur.


Die wahre Bedeutung des Guinness-Rekords

Der Rekordversuch in Thessaloniki war nicht nur eine Tanzveranstaltung. Diese Organisation diente dem Zweck,

  • die griechische Kultur international sichtbarer zu machen,
  • das Bewusstsein für die Alzheimer-Krankheit zu stärken,
  • und den touristischen Wert Thessalonikis zu erhöhen.

Dass Hunderte Menschen gleichzeitig Zeibekiko tanzten, entsprach zwar nicht der traditionellen, individuellen Form, doch die Veranstaltung sorgte im Hinblick auf die Vermittlung des kulturellen Erbes für großes Aufsehen.


Fazit: Mehr als ein Tanz, ein gemeinsames Erbe

Sowohl der Zeybek als auch das Zeibekiko erzählen die Geschichte der Ägäis. Der eine ist in den Bergen Westanatoliens entstanden. Der andere hat sich aus derselben Wurzel speisend in den Städten Griechenlands eine neue Identität gegeben. Auch wenn diese Tänze heute im kulturellen Leben zweier verschiedener Länder verankert sind, tragen sie in ihren Wurzeln die Spuren desselben Meeres, desselben Windes und derselben historischen Reise.


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