Karini-Tal und der Maler im Platanenbaum: Midillis geheimes Paradies und die Geschichte von Theophilos
Einleitung
Das Karini-Tal an der Straße nach Agiasos auf der Insel Lesbos ist nicht nur wegen seiner Natur, sondern auch wegen seiner melancholischen und inspirierenden Kunstgeschichte einer der faszinierendsten Orte der Insel. Beim Spaziergang zwischen den hoch aufragenden Platanen am Bach, den kühlen Kastanienwäldern und den alten Wassermühlen ist der Ort, der Besucher am meisten beeindruckt, der ausgehöhlte riesige Platanenbaum, von dem man glaubt, dass er einst das Zuhause des legendären Volksmalers Theophilos Hatzimihail war.
Ein Leben im Einklang mit der Natur
In den späten Jahren des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebte Theophilos auf Lesbos und in der Umgebung und suchte zeitweise die Ruhe des Karini-Tals auf, wo er kurze und entbehrungsreiche Abschnitte seines Lebens verbrachte. Der Überlieferung nach machte Theophilos eine natürliche Höhlung im Stamm des gewaltigen, uralten Platanenbaums zu seinem Unterschlupf, schlief darin und wachte darin auf.
Tagsüber ließ er in den Kaffeehäusern, Tavernen und an den Wänden der Mühlen die Farben seiner Seele aufleuchten. Noch heute sind an einigen Mauerresten in Karini Spuren jener verblassten Fresken zu sehen, die sich gegen die Grausamkeit von Zeit und Natur behaupten und bis in unsere Tage überdauert haben. Leider ist jedoch der Großteil dieser im Freien befindlichen Werke durch Feuchtigkeit, Sonne und die Spuren der Jahre verschwunden.
Epen, die für einen Teller Essen gemalt wurden
Zu seiner Zeit wurde Theophilos nicht als großer Künstler angesehen, sondern oft als exzentrischer, verspotteter Maler; bekannt war er auch für das Tragen der traditionellen griechischen Tracht, der Fustanella. Oft malte er gegen einen Teller warmes Essen oder eine kleine Bezahlung an die Wände und schuf mit seinem Pinsel Szenen aus Geschichte und Volksüberlieferung.
An den Wänden des alten Kaffeehauses im Karini-Tal befanden sich einst folgende Motive:
• Helden des griechischen Unabhängigkeitskriegs
• Alexander der Große und antike griechische Legenden
• Krieger und Volkstänze in traditioneller Tracht
• Gemeinsame Volksgeschichten Anatoliens und Griechenlands (wie Erotokritos)
• Szenen aus dem alltäglichen Dorfleben
Auch wenn der Großteil dieser Fresken heute verblasst ist, können Besucher, die durch Karini wandern, an diesen Wänden noch immer Spuren der Vergangenheit erkennen.
Tériades Entdeckung und das Tor zur Welt
Dass Theophilos zu Lebzeiten keinen großen Ruhm erlangte, ist eine der traurigsten Geschichten der Kunstgeschichte. Derjenige, der seinen wahren Wert erkannte, war der in Paris lebende aus Lesbos stammende berühmte Kunstkritiker Stratis Eleftheriadis, besser bekannt als Tériade.
Als Tériade in den 1920er-Jahren nach Lesbos zurückkehrte und die in den Kaffeehäusern entstandenen Bilder von Theophilos sah, erkannte er, dass er es mit einem außergewöhnlichen Talent zu tun hatte. Um zu verhindern, dass seine Werke verloren gehen, stellte er Theophilos Leinwände und Farben zur Verfügung und gab ihm zahlreiche Aufträge.
Leider starb Theophilos im Jahr 1934. Doch kurz nach seinem Tod wurden seine Werke in Paris ausgestellt, und die europäische Kunstwelt entdeckte seinen einzigartigen Stil. So erlangte Theophilos den Ruhm, der ihm erst nach seinem Tod zuteilwurde.
Karini heute
Heute gilt das Karini-Tal als einer der romantischsten und eindrucksvollsten Naturorte auf Lesbos. Besucher können hier am Bach entlang spazieren, unter den Schatten der riesigen Platanen ausruhen und den berühmten Baum sehen, von dem man glaubt, dass Theophilos dort gelebt hat.
Ein großer Teil der Werke des Künstlers wird heute im Theophilos-Museum auf Lesbos aufbewahrt. Doch für diejenigen, die Karini besuchen, ist das eigentliche Museum die Geschichte, die inmitten der Natur spürbar wird.
Während man in diesem vom Bachrauschen begleiteten Tal wandert, ist es möglich, die Einsamkeit und Inspiration zu spüren, in der einst Theophilos an genau diesem Ort saß und malte. Karini ist einer der verborgenen Paradiese von Lesbos, ein Ort, der durch das Leben eines Malers zur Legende geworden ist.