Eine Erzählung des Erbes von der Osmanischen Zeit bis heute
Einleitung: Die stillen Zeugen von Midilli
Mitten in der Nordägäis, gegenüber von Ayvalık, liegt die Insel Midilli (griechisch: Lesvos), die nicht nur durch ihre Natur, sondern auch durch ihre vielschichtige Geschichte beeindruckt.
Während der osmanischen Zeit war eine der angesehensten muslimischen Familien der Insel die Kulaksızzâde, die bis heute in den Steinmauern, stillen Innenhöfen und halb verfallenen Moscheen der Insel nachhallt.
Dieser Text untersucht die Herkunft der Familie Kulaksızzâde, ihren Einfluss in Midilli und ihr architektonisches Erbe anhand griechischer und osmanischer Archivquellen.
1. Die Identität der Familie und ihre Stellung in der osmanischen Gesellschaft
1.1. Bedeutung von Name und Abstammung
Der Name „Kulaksızzâde“ folgt einer im Osmanischen häufig anzutreffenden Namensstruktur und bedeutet „Sohn / Nachkommen von Kulaksız“.
Dieser Titel wurde in der Regel für angesehene, gebildete oder in administrativen Aufgaben tätige Familien in der Provinz verwendet.
1.2. Ihre Rolle in Midilli
Der in den Archiven hervortretende Name Kulaksızzâde Mustafa Ağa war zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Midilli Nazırı (lokaler Verwalter) tätig.
Dieser Titel stand sowohl für administrative als auch für finanzielle Autorität. Mustafa Ağa war nicht nur ein Verwalter, sondern zugleich Träger eines architektonischen Erbes, das auf der Insel bleibende Spuren hinterließ.
2. Die Neue Moschee (Γενί Τζαμί): Die in Stein gemeißelte Signatur der Familie
2.1. Entstehung und Architektur
Die Neue Moschee wurde um 1825 von Mustafa Ağa Koulaksiz (Kulaksızzâde) errichtet.
Das Bauwerk erhebt sich im Stadtteil Epano Skala von Midilli, im Herzen des ehemaligen türkischen Basars.
Der Komplex besteht aus Moschee, Medrese, Räumen des Muftis und einem Hazire-Bereich (Friedhof).
Als Baumaterial wurde der für die Insel typische rote Stein mit weißem Mörtel kombiniert.
Kuppel und Bögen zeigen klassische osmanische Einflüsse, während die Außenfassade die lokale Steinmetzkunst widerspiegelt.
📍 Ort: Epano Skala, Mytilene
📅 Baujahr: 1825
🏗️ Stifter: Mustafa Ağa Kulaksızzâde
🕌 Griechischer Eintrag: „Μουσταφά Αγά Κουλαξίζης“ (Inventar des griechischen Kulturministeriums, Odysseus-Portal)
2.2. Verfall und Restaurierungsbemühungen
Nach dem Bevölkerungsaustausch von 1923 verließ die muslimische Bevölkerung die Insel, und die Neue Moschee wurde für den Gottesdienst geschlossen.
1956 wurde sie vom griechischen Kulturministerium zum „historischen Denkmal“ erklärt.
In den 1970er- und 2000er-Jahren wurden zweimal Restaurierungsprojekte angedacht, jedoch konnte keine umfassende Erneuerung umgesetzt werden.
2011 wurde von Freiwilligen eine Initiative zur Reinigung und zum Schutz des Umfelds gestartet.
Heute wird das Gebäude in begrenztem Umfang für kulturelle Veranstaltungen und Ausstellungen genutzt.
📸 [Foto-Platzhalter: Außenansicht der Neuen Moschee, 2023]
3. Der Erbstreit: Ein Frauenkampf im osmanischen Recht
3.1. Überblick über den Fall
Nach dem Tod von Mustafa Ağa (um die 1830er Jahre) entwickelte sich ein Streit um die Aufteilung des Erbes zu einer Erbklage einer Frau in der osmanischen Provinz.
Dieser Fall gelangte von den lokalen Gerichten bis zum Meclis-i Vâlâ (dem obersten Gericht in Istanbul).
3.2. Gesellschaftliche Bedeutung
Der Fall ging in die osmanische Rechtsgeschichte als eines der seltenen Beispiele ein, in denen Frauen ihre Eigentumsrechte verteidigen konnten.
In der akademischen Literatur wird dieses Ereignis als Wendepunkt für die rechtliche Vertretung von Frauen in der Provinz bewertet.
(Akay & Aydın, A Law Struggle of Women: Midilli Minister Kulaksızzade Aga Mustafa Case, 2021)
4. In griechischen Quellen: „Κουλαξίζης“
In den Einträgen der dem griechischen Kulturministerium unterstellten Ephorate of Antiquities of Lesvos findet sich folgende Formulierung:
„Το Γενί Τζαμί ανεγέρθηκε περίπου το 1825 από τον Μουσταφά Αγά Κουλαξίζη, διοικητή της Μυτιλήνης.“
(Die Neue Moschee wurde um 1825 von Mustafa Ağa Kulaksizis, dem Verwalter von Midilli, errichtet.)
Diese Aussage stimmt vollständig mit dem türkischen Eintrag „Kulaksızzâde Mustafa Ağa“ überein.
Außerdem wird die Familie in griechischen Dokumenten als „Μουσουλμανική ευγενής οικογένεια της Μυτιλήνης“ – also „die muslimische Adelsfamilie von Midilli“ – bezeichnet.
5. Heute: Stille Zeugen und kultureller Dialog
Die Spuren der Familie Kulaksızzâde leben heute noch in den Straßen von Midilli weiter.
Die Einheimischen nennen das Viertel, in dem sich die Moschee befindet, noch immer „του Κουλαξίζη το μέρος“ – „der Ort des Kulaksizis“.
Die Ruine der Moschee ist wie ein symbolisches Fenster zur Vergangenheit beider Gemeinschaften.
Die Kulturinstitutionen in Griechenland haben die Idee ins Gespräch gebracht, die Moschee künftig als Zentrum für interkulturellen Dialog zu nutzen.
Solche Projekte sind kraftvolle Symbole dafür, wie die Spuren der Vergangenheit in den türkisch-griechischen Beziehungen in die Zukunft getragen werden können.
Fazit
Die Familie Kulaksızzâde gehört zu den markantesten Vertretern der sozialen und architektonischen Identität Midillis in der osmanischen Zeit.
Bauten wie die Neue Moschee sind nicht nur steinerne Zeugnisse, sondern historische Belege, die im gemeinsamen Gedächtnis beider Gesellschaften widerhallen.
Auch wenn die Steine heute schweigen, erzählt jeder von ihnen eine Geschichte:
Die Vision eines Verwalters, den Glauben einer Familie und den multikulturellen Geist einer Insel…
📚 Quellenverzeichnis
- Akyılmaz, Gül. Osmanlı Devleti’nde Mülkiyet Hakları ve Kadının Hukuki Statüsü. Istanbul Üniversitesi Yayınları.
- Aydın, Elif. A Law Struggle of Women: Midilli Minister Kulaksızzade Aga Mustafa Case. Academia.edu, 2021.
- Greek Ministry of Culture, Odysseus Cultural Portal – culture.gov.gr
- Lesvos Ephorate of Antiquities, Mytilene Records, 2018.
- Yeni Mosque, Mytilene (Γενί Τζαμί) – Wikipedia EN & EL.
- Abandoned Spaces: Yeni Mosque in Mytilene, 2023.